Donnerstag, 4. November 2010

BAUMGESICHT - NASHORN ALEPH


NASHORN 
ALEPH

Das BaumGesicht,
der vermutlich ältesten Eiche Berlins

Die Eiche „DICKE MARIE“
an der Malche in Berlin-Tegel 
wurde ca 1192 gepflanzt



NASHORN ALEPH

In grauer Vorzeit, in den frühen Tagen der Weltgeschichte, als die Menschen noch mit den Tieren sprechen konnten, wurde Aleph geboren.


Aleph war ein winziges und außerordentlich entzückendes Nashornbaby.
Ihre Mutter war ungeheuer stolz auf ihr Kind und zeigte es jedem, der es sehen wollte und übrigens auch allen anderen.
Neben ihrem Liebreiz war Aleph aber auch noch außergewöhnlich klug und charmant wenngleich nicht ganz frei von Eitelkeit. Und so erfand sie schon in frühen Jahren eine Schriftsprache, die es allen Tieren und Menschen ermöglichen sollte, durch Zeichen zu kommunizieren. Ihre Hieroglyphen benannte sie dann auch nach ihrem eigenen Namen: Alphabet.
Zunächst lachten alle über ihre Erfindung und nannten sie die übliche Phantasterei versponnener Nashörner. Die Nashörner waren schon immer klüger gewesen als die anderen Geschöpfe und galten gemeinhin als Spinner und Intellektuelle. Forscher vermuteten damals den Sitz eines zweiten Gehirns in deren Hörnern.

Als jedoch Alephs Mutter einmal bei einer Nachbarin die Zutaten für eine köstliche Rübensuppe notierte, sprach sich sehr schnell der Nutzen dieser neuen Erfindung herum und bald kursierten Briefe, Notizzettel, Geschichten ja ganze Romane.

Man schrieb die zierlichen Schriftzeichen mit Pflanzensaft auf Blätter die aus zerkauten Pflanzen hergestellt wurden dem sogenannten Papyrus.

Aleph wurde nun bewundert und verehrt und es dauert nicht lange, bis sie zur Königin ihres kleinen Landes ernannt wurde.
Da sie aber erst dreieinhalb Jahre alt war, hatte sie mit Politik nicht viel im Sinn und so wurde sie öfter beim Spielen im königlichen Schlossgarten als beim Regieren beobachtet.
Glücklicherweise waren die Nashörner neben ihrer gewaltigen Intelligenz aber auch ungewöhnlich friedlich veranlagt. Mithin gab es sowieso nicht viel zu regieren und niemand störte sich an der kleinen Königin.
Bis auf die Ägypter!
Denen war die kleine Aleph mit ihrer Erfindung von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen.
Sie erklärten den Nashörnern auf schriftlichem Wege, dass die Hieroglyphen und selbstverständlich auch das Papyrus ihre Erfindung seien, und dass sie das ganze Land mit Krieg überziehen und jedes einzelne Nashorn enthornen würden, wenn ihre dämliche Königin weiterhin behaupten würde, die Schrift sei von ihr.
Nun waren die Nashörner zwar weithin für ihre Friedfertigkeit bekannt aber noch viel berühmter wegen ihrer unübertroffenen Sturheit.
Ein Rat wurde einberufen man sprach lange Nächte hindurch und suchte eine Lösung. Nie hatten die Nashörner bisher kämpfen müssen. Sie waren ungeübt und benutzten ihre Hörner nur zum Denken. Die Menschen hingegen besaßen Waffen und noch viel schlimmer, das Feuer.

Am siebten Tag wurde ein Abgesandter des Rates zu Königin Aleph geschickt.Er fand sie beim Burgenbauen im königlichen Sandkasten.

"Oh kleine Herrscherin des Nashornlandes"

hub der Gesandte an. Verwundert blickte Aleph auf, so hatte noch niemals jemand mit ihr gesprochen.

"Wollt ihr in eurer unendlichen Weisheit uns aus der Tiefe unserer Not befreien?

Aleph zog die Augenbrauen hoch - was wollte der Mann von ihr?
Doch dann, nach und nach, erfuhr sie die ganze Geschichte. Wütend warf sie ihr Schäufelchen fort, stampfte schnaubend ins Schloss und knallte ihre Zimmertür hinter sich zu.
Sie hatte die Menschen noch nie gemocht. Immerzu mussten sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen weil sie einander Ruhm und Reichtum nicht gönnten. Und jetzt wollten sie ihr die Hieroglyphen nehmen.
Viele Tage und Nächte verbarrikadierte sie sich in ihrem Zimmer und verweigerte jegliche Nahrung.
Die Ägypter hatten inzwischen riesige Armeen an den Rändern des Nashornreiches aufgestellt und zündeten hier und da schon einzelne Dörfer an. Es drangen Schauergeschichten von verstümmelten Nashörnern bis in den Palast vor. Doch Alephs Tür blieb verschlossen.

Endlich, nach sieben langen Wochen öffnete die kleine Königin ihre Tür. Sie war schrecklich abgemagert und hatte tiefe Ringe unter den Augen.
Der Rat und alle wichtigen Bürger der Stadt fanden sich alsbald im Thronsaal ein und lauschten mit Tränen in den Augen dem Rettungsvorschlag ihrer Königin.
Aleph hatte bereits einen kleinen Ranzen gepackt, in dem sich ein paar Butterbrote und ein wenig Milch befanden, und verkündete ihren dankbaren Untertanen, dass sie ins Exil gehen würde. Sie wusste zwar nicht, wo das war, hatte aber gehört, dass sich bedrohte Herrscher üblicherweise dorthin begaben und war sicher, dass sie diesen Ort eines Tages finden würde.

Und so stapfte sie auf ihren kleinen Hufen in den Wald hinein.
Den Ägyptern wurde sofort ein wichtiges Dokument übergeben in dem stand, dass die Schrift selbstverständlich ihre Erfindung sei und niemand jemals etwas anderes behauptet hätte. Der Nashornabgesandte erklärte dem Menschenabgesandten, dass es sich bei dem ganzen Vorfall lediglich um ein lächerliches Missverständnis handeln könne und kehrte unter vielen Verbeugungen in sein Land zurück.

Das alles war aber natürlich nur ein Täuschungsmanöver. Denn Aleph hatte beschlossen die Wahrheit ins Exil zu bringen und sie dort so lange aufzubewahren, bis der Tag gekommen war, an dem die Menschen ihre Freude am Kämpfen verloren hätten.
Sie war tief in den dunklen Wald hineingegangen und wanderte viele Jahre lang immer weiter nach Norden. Sie überquerte riesige Gebirge, endlose Eisfelder, durchschwamm Flüsse und Meere, doch nirgends konnte sie das Exil finden.


Endlich, nach sieben Jahren des Umherirrens, entdeckte sie am Rande eines Sees eine alte Eiche. Hier gefällt es mir, dachte Aleph, hier will ich bleiben. Sie zog ihre Wanderstiefel aus, kletterte in den Stamm hinein und fiel dort in einen langen tiefen Schlaf.
Doch allmählich begannen auch Menschen, sich am Rande des Sees niederzulassen. Sie bauten Häuser und Schulen, Kirchen und Fabriken. Und die kleine Ortschaft wuchs und wuchs, bis sie ungeheuer groß und mächtig geworden war.


Ab und an kletterte Aleph aus ihrem Versteck um ein wenig Nahrung zu suchen und so konnte sie auf einer ihrer Wanderungen eines Tages ein großes Schild entdecken: "Berlin" stand dort geschrieben.


"Mein Alphabet" flüsterte sie, knabberte an einem kleinen Pilz und krabbelte wieder in ihren Stamm hinein.


Immer seltener verließ sie den Baum, denn niemals zeigten die Menschen die Absicht, ihre Kriegslust aufzugeben.
Und so verging Jahr um Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert und die Eiche begann allmählich mit ihr zu verwachsen.

Doch kurz bevor sie ganz und gar zu Holz geworden war, streckte sie noch einmal ihren Kopf aus dem Stamm und ritzte mit ihrem Horn ein paar winzige Zeichen in die Rinde.
Wenn man ganz nah herangeht, kann man sie entdecken.




aleph

text 2010: © magdalene artelt
www.magdalene-artelt.de

fotos 2010-09-10: © johanna zentgraf