Montag, 20. Dezember 2010

BAUMGESICHT - TEDDY CLAUDIUS


BAUMGESICHT
TEDDY CLAUDIUS
mit der Augenbinde





Beim übermütigen Spiel, da flog in einem hohen Bogen ein Holz und landete nicht dort, wo's hätte landen sollen.
Das Wurfgeschoss, es traf
- oh Schreck -
den Teddy Claudius, der nichts ahnend in der Flugbahn stand und der das Unheil auch nicht kommen sah. Welch ein Pech.
Der getroffene Teddy, der Werfer, und die Zeugen des Unglücks erstarrten fast und konnten nicht begreifen, was da geschehen war.
Welch Glück im Unglück, des Teddys Auge war verschont geblieben. Knapp vorbei am Auge, hatte der Querschläger den Claudius mitten ins Gesicht am linken Jochbein hart getroffen.
Zusehends wuchs in Teddys BaumGesicht eine unglaublich große rote Beule,
und die tat weh und wie ...
Die Stelle schwoll, das Auge schien hinter dem Beulenberg in einer Höhle zu verschwinden. Eine Quelle sprudelte. Es flossen ein paar Tränen. Doch tapfer wischte Teddy Claudius die kullernden Tränen weg. Er tröstete sich selbst und auch den Werfer, der ihn ja nicht hatte treffen wollen und dem das, was er angerichtet hatte, aus tiefstem Herzen unendlich leid nun tat. Doch wie niemand die Zeit zurückdrehen konnte, so konnte leider auch das Geschehene nicht mehr rückgängig gemacht werden.
Über Claudius’s Lippen kam kein Wort der Schuldzuweisung oder des Vorwurfes.
„Es hätte schlimmer kommen können.“ sagte der Teddy nur
und das bewies, wie stark und großherzig der kleine tapfere Teddy Claudius war.

Geschützt hinter einem Verband verbarg der Teddy seine Beule. Er salbte sie und legte auf die Wunde feuchte Beutel auf, mit Tee gefüllt. Trotz aller Bemühungen den Heilungsprozess zu forcieren schwoll die Beule viel zu langsam ab. So musste Claudius zum Arzt und der punktierte dann die leuchtend-rote Stelle in Teddys BaumGesicht.

An jedem Morgen erschrak seit diesem Tag der Claudius - vor dem, was er im See erblickte, wenn er sich darin spiegelte. In seinem Spiegelbild erkannte er sich kaum wieder.
In den nächsten Tagen ging die Beule zwar nach und nach zurück, doch nun verfärbte sich die getroffene Stelle: Erst rot, dann blau und lila, später blau-grün, gelb und auch braun - Teddys linke Gesichtshälfte wurde kunterbunt.
Die ihn so sahen und von der Ursache seiner Verletzung nichts wussten, blieben betroffen stumm und fragten Teddy nicht nach dem „Warum?“ Sie fragten nicht, aus Furcht zu indiskret zu sein und an eine tragische Situation zu erinnern, die nach ihren Vorstellungen zu einem blauen Auge hätte geführt haben können. Sie vermieden es strikt, das Thema anzusprechen um den Teddy nicht in Erklärungsnöte zu bringen. Der Teddy ahnte wohl, was jene dachten, die so taten, als würden sie die unmöglich übersehbaren Verfärbungen in seinem Gesicht überhaupt nicht einmal bemerken. 

Teddy Claudius wünschte sich so sehr:
„Hoffentlich heilt die verletzte Stelle bald gut ab und es bleibt nichts zurück.“

Die Kälte und der Frost waren beim Heilungsprozess nicht eben förderlich. Tag um Tag verging.
Wie lange zog sich das nur hin mit dieser dummen Beule?
„Bis vom Unfall endlich einmal nichts mehr zu sehen sein wird, bekomme ich ja weiße Haare.“
so sprach der Teddy.

Und siehe da, am nächsten Morgen waren sie lang und weiß - des Teddys Haare, zwar nur vom Schnee, doch immerhin.

Im Frühling spätestens hoffentlich, da kann der Teddy Claudius endlich wieder lachen und an sein Pech erinnert bald nichts, außer Fotos und Erzählungen.
Das hoffe und das wünsche ich.
Was dem Teddy Claudius geschah, das stellt ein Gleichnis dar.
Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind leider nicht ganz zufällig. Darum achtet gut, wenn ausgelassen ihr tollt, dass vor lauter Übermut euch selbst nicht und auch keinem Anderen versehentlich irgendein Leid geschieht.

© johanna zentgraf