Mittwoch, 5. Januar 2011

BAUMGESICHT - HAUBENPINGUIN FRIEDOLIN


BAUMGESICHT
HAUBENPINGUIN 
FRIEDOLIN

Im Taunus in Oberursel 
wuchs am Urselbach die Birke 
„fröstelnde Frieda“ heran.







DIE BIRKE
FRÖSTELNDE FRIEDA
von Oberursel / Hessen

Die Birke war sehr klein und zart und sie bibberte schon, wenn auch nur das leichteste Windchen blies. Weil sie so schnell fror, war ihr im Herbst schon vor dem kommenden Winter bang und ihre feinen Blättchen zitterten, wie sonst nur Espenlaub.

Wenn es Winter wurde, 
fielen die Blätter der fröstelnden Frieda viel früher schon von den Ästen, als es die Blätter all der anderen Birken taten.



DIE BIRKENZEISIGE
in Oberursel / Hessen

Eines schönen Tages 
flog ein Schwarm Birkenzeisige 
durch die Wälder des Taunus.
Die weit gereisten Zugvögel 
landeten auf der Birken, 
die im hessischen Städtchen 
O B E R U R S E L
den Urselbach säumten

Von den Wipfeln der Bäume im schönen Taunus zwitscherten die Zeisige Lieder und Geschichten aus ihrer fernen Heimat, der tasmanischen Maquarieinsel, die sich südlich im Pazifischen Ozean aus dem Meer erhebt. 

Die Birken lauschten andächtig den Erzählungen der Birkenzeisige.

Die Bäume am Mühlenwanderweg und deren Bewohner erfuhren so von den Zeisigen viel über die australische, subantarktische Maquarieinsel, über die dort ansässigen Lebewesen und die klimatischen Bedingungen auf der Insel.
Als die fröstelnde Frieda zum ersten Mal von einem Birkenzeisig erfuhr, dass es auf dessen Heimatinsel flugunfähige Seevögel gibt, die sich dem Leben in extremen Kältezonen der Erde hervorragend angepasst haben, war sie so neugierig und wollte alles wissen über die Pinguine, die nicht frieren. Frieda beneidete die Pinguine um deren dicke Fettschicht und um die wasserdichten Federn, die gleichmäßig über ihren ganzen Körper verteilt sind. Wenn die Birkenzeisige sangen, hörte die kleine Birke so gespannt deren Erzählungen zu, dass sie während dieser Zeit nicht einmal bemerkte, wie kalt es war.

FRIEDOLIN 
DER HAUBENPINGUIN

Die Geschichte von „Friedolin“ dem Haubenpinguin hatte es der Birke Frieda besonders angetan, 
nicht nur wegen ihrer Namensverwandtschaft.


Der weitgereiste Birkenzeisig hatte Frieda berichtet, dass der Haubenpinguin, Friedolin, der winzigste Pinguin seiner Art gewesen war, den er je gesehen hatte.
Obwohl Haubenpinguine meist nur das zweite größere Ei ihres Geleges ausbrüten, weil sie mehr als ein Junges nicht ernähren könnten, hatte eines der Pinguinpaare, die im Frühjahr zum Brüten auf die Maquarieinsel gekommen waren, eine Ausnahme gemacht von dieser evolutionsbedingten erfolgreichen Methode für das Überleben ihrer Art.
Das zweite Ei, aus dem Gelege dieser jungen erwartungsvollen Pinguin-Eltern, die ihr Nest etwas zu nah am Meer gebaut hatten, war von einer gewaltigen Welle ergriffen und gegen die Felsen geschleudert worden. Das Pärchen hatte verzweifelt und entsetzt mit ansehen müssen, wie ihr großes Ei an einer der vielen Klippen, die es dort gab, zerschellte und wie es sich schäumend mit der weißen Gischt vermischt und diese gelb gefärbt hatte.
Nach diesem schmerzlichen Verlust waren das Weibchen und das Männchen Pinguin sehr erleichtert, als sie sahen, dass ihr kleines erstes Ei noch im Brutloch lag und verschont geblieben war. Sie beschlossen, all ihre Fürsorge diesem ihnen verbliebenen Nachkommen zu widmen. Trotz des Gespöttes und des Unverständnisses der anderen Pinguine der Kolonie, brüteten sie das kleine Ei aus.

„Was für eine vergebene Liebesmüh! Dieses Junge wird nie stark genug werden.“ klugscheißerten die alten Pinguine. Viele der anderen brütenden Paare spotteten und machten Witze über die Größe des wirklich sehr kleinen Pinguin-Ei‘s.
Die liebevollen Eltern aber ließen sich nicht beirren. Sie taten alles, damit der kleine Pinguin sich entwickeln konnte. Sorgsam drehten, wärmten und wendeten sie das Ei.
Als der kleine Winzling dann endlich nach 33 Tagen geschlüpft war, war die Freude Rießen groß. “So ein süßes Kerlchen“ - viel, viel kleiner als all die anderen Jungen in der Pinguinkolonie war es. Der Kleine strecke den Eltern sein Schnäbelchen entgegen. Fast allein hatte das Pinguinküken die Eischale aufgepickt. Seine Eltern hatten nur ein bisschen mitgeholfen, damit ihr Küken die nicht mehr benötigte Schutzhülle unbeschadet verlassen konnte.

„Friedolin“, das reimt sich gut auf Pinguin. „Ja – Friedolin - so nennen wir ihn.“- hatten überglücklich Mama und Papa Haubenpinguin gejubelt und Friedolin hatte vergnügt gepiepst.

„Ihr braucht dem Kleinen gar nicht erst einen Namen zu geben, er wird gewiss nicht lange überleben.“ versuchten Tanten und Onkel Haubenpinguine im Chor mit vielen ihrer Pinguin-Nachbarn durch ihre Ratschläge und mit ihren düsteren Vorhersagen die Freude des jungen Pinguin-Paares zu dämpfen, damit die Beiden nicht zu sehr leiden müssten, wenn bei ihrer Brut etwas schief gehen würde. Einige dieser Verwandten und Bekannten aus der Kolonie hatten schon schlimme Erfahrungen in der rauen Wildnis machen müssen oder aber von solchen gehört.
Die jungen Eltern aber verbaten sich diesen fürchterlichen Pessimismus ihrer Artgenossen.
„Gebt endlich Ruhe.“ sagten sie „Hoffnung, ja Hoffnung braucht es vor allem zum Überleben …“

„Wir kriegen dich schon groß“ sagten sie zu ihrem kleinen Friedolin. Alsdann stürzte sich Mama Pinguin in die Fluten, um Nahrung zu finden für sie alle Drei. Während der Abwesenheit der Mutter wärmte und schütze der Papa den Kleinen. Von ihren Tauchgängen kam die Mama Pinguin meist mit genug Krill und kleinen Fischchen zurück, um ihre kleine Familie satt zu bekommen. Ihr Küken und der Papa bekamen ausreichend und gutes Futter. Später hatten sich die Eltern abgewechselt. Sie waren zu einer Arbeitsteilung übergegangen. Beide betreuten und verpflegten ihren kleinen Friedolin fürsorglich.

Die Eltern hatten viel Freude an dem kleinen Friedolin, der so ein lebenslustiger Pinguin war. Trotz seines Zwergenwuchses stand er den anderen Pinguinküken in nichts nach. Er war zwar zart aber trotzdem kräftig - und mutig war er. Und meistens war er gut gelaunt.


Als Friedolin alt genug war, um in den Pinguin-Kindergarten zu gehen, war er anfänglich wieder einmal vielem Gespött ausgesetzt. Die größeren Pinguine seiner Altersklasse übten sich in Revierkämpfen, wie sie es bei ihren Eltern gesehen hatten. Sie glaubten, bei so einem kleinen Pinguin hätten sie ein leichtes Spiel. Aber da hatten sie sich getäuscht. Friedolin ließ sich nicht unterkriegen. Versuchten die Großen ihn zu vertreiben, blieb Friedolin erhobenen Hauptes und mit ausgestreckter Flosse stehen. „Bis hierhin und nicht weiter.“ sagte Friedolin. Er behauptete sein Revier, das kleine Fleckchen Erde, auf dem er stand, ohne viel Tamtam darum zu machen. Er rührte sich einfach nicht vom Fleck. Die Schreihälse ließ Friedolin schreien, er hörte nicht hin und ließ sich auf keine Diskussionen mit ihnen ein.

Spielerisch lernten die Pinguine im Kindergarten vieles, was ihnen in ihrem späteren Leben von Nutzen sein sollte. Friedolin war immer sehr aufmerksam gewesen, wenn es etwas zu lernen gab. Bereitwillig zeigte er den Pinguinkindern, die nicht so schnell alles verstanden hatten, das was er gelernt hatte. Bald war Friedolin auch im Kindergarten sehr beliebt.
Weil er oft mit ihnen scherzte und sie zum Lachen brachte, mochten besonders die Pinguin-Mädchen den kleinen Friedolin sehr gern.

Friedolin war immer in Bewegung. 
Man sah ihn nur selten langsam watscheln. 
Meistens hüpfte Friedolin und wenn er glücklich war, dann sprang der kleine schwarzweiße Punkt wie wild über die Steine und Eisschollen. 


Friedolin flatterte mit seinen schmalen Flossen, den Flügelähnlichen, die fürs Fliegen zu kurz geraten und wahrlich ungeeignet waren. Auf und ab bewegte er die Stummel-Flossen so als wolle er gleich losfliegen und hüpfte und tanzte. Das sah so lustig aus, dass sogar die ewig Ernsten unter den Pinguinen sich vor Lachen ihre Bäuche halten mussten. „Wir Pinguine können doch gar nicht fliegen …“ lachten alle „Ha, hahaha …“ „Versuche es doch lieber mal mit schwimmen.“


Als Friedolin zum ersten Mal ins Meer gesprungen war, da war ihm sehr schnell klar. Das Wasser, das war sein Element. Bald schwamm er allen davon und drehte die wundervollsten Pirouetten. Pfeilschnell wie er war, hatten seine Feinde keine Chance ihn zu fangen. Die Vögel, die ihn an Land ausgelacht hatten, weil er nicht fliegen konnte, die waren jetzt stumm. Sprachlos vor Bewunderung waren sie, als sie sahen, wie wendig und grazil der stromlienförmige kleine Körper des Pinguins durchs Wasser schnellte.

Als eines bitterkalten Tages ein Birkenzeisigküken von einem Felsenvorsprung abgerutscht war, ins Meer gestürzt und in den Fluten des Pazifischen Ozeans um sein Leben gekämpft hatte, da war der kleine Friedolin rechtzeitig zur Stelle gewesen. Auf seinem Rücken trug er das erschöpfte Küken, das viel Wasser geschluckt hatte, ans Land. Das kleine Birkenzeisigküken erholte sich zum Glück. Die Birkenzeisige feierten den Pinguin Friedolin, den Lebensretter, als ihren Helden. Überall taten sie fortan kund, was wahre Größe ist und das sich diese nicht in Zentimetern messen lässt. Der Kleinste der Pinguine, der war für die Zeisige der Größte.

Der Birkenzeisig, der die Geschichte vom Haubenpinguin Friedolin der Birke fröstelnde Frieda im Taunus erzählt hatte, der war dem kleinsten Pinguin von der Maquarieinsel selbst schon begegnet. 

Seine Zeisig-Mama war es gewesen, die der Pinguin Friedolin damals aus den Fluten des Meeres gerettet hatte. Die Birkenzeisig-Mama hatte mit all ihren Jungen oft den Pinguin besucht.



Als der Birkenzeisig auf einem von Friedas Ästen gelandet war, glaubte er an deren Stamm einen Pinguin erkannt zu haben. „Schwarz und weiß so sah auch der kleinste Pinguin auf der Maquarieinsel aus, wie die Farben deiner Rinde.“ trällerte der Zeisig froh und er besuchte Frieda, mit dem Pinguin-BaumGesicht so oft er nur konnte.

Friedas schwarzweiße Rinde war im Laufe der Zeit kräftiger geworden und seid sie sich dem Haubenpinguin Friedolin verwandt fühlte, war sie auch nicht mehr so wetterfühlig. Manchmal freute sie sich jetzt sogar auf die Zeiten, in denen weißer Schnee vom Himmel viel. Wurde es ihr doch einmal zu kalt in ihrem Winterkleid, dann machte sich die Birke warme Gedanken halt.
Die Birke Frieda weiß wohl, wenn der Birkenzeisig wieder „tschett, tschett“ singt:
Der nächste Frühling kommt bestimmt.











text & fotos: 2010 / 2011 © johanna zentgraf