Montag, 9. Dezember 2013

KEGELROBBE JÜRGEN & PUDELDAME CLAUDINE



JÜRGEN DIE KEGELROBBE



Jürgen war keine gewöhnliche Kegelrobbe. Oh nein! Er war in der Seerobbenstation Friedrichskoog schon als kleiner Heuler aufgefallen, weil er unglaublich gut Gegenstände auf seiner Nase balancieren konnte. Bälle, Heringe, Stühle, einfach alles was ihm so vor die Kegelrobbennase kam.
Eines Tages wurde endlich Zirkus Bohne auf Jürgen aufmerksam. Er bekam ein Stipendium an der renommierten Artistenschule in Monte Carlo und schloss als Jahrgangsbester ab!! Danach ging er sofort mit Bohne auf Welttournee und begeisterte rund um den ganzen Erdball die Menschen mit seinen Balancierkünsten!
Selbstverständlich wohnte Jürgen nicht in einem Käfig, er war schließlich ein Ausnahmetalent! Nein, er durfte in jeder Stadt, die der Zirkus besuchte, im schicksten Hotel wohnen.
Am Schönsten fand Jürgen es, wenn er einen Wasserkocher auf dem Zimmer hatte, wie zum Beispiel im Best Western Hotel in Niefern-Öschelbronn. Er konnte den Kocher auf seiner Nase gegen den Uhrzeigersinn drehen, während das Wasser sich erhitzte (er machte sich oft einen Kamillentee nach der Vorstellung) und eine kleine Melodie dabei pfeifen.
Aber dann gingen die Probleme los...
Irgendwann wurde bei Zirkus Bohne das Geld knapp und deswegen musste Jürgen ab sofort sein Hotelzimmer mit einem anderen Artistenkollegen teilen. 










PUDELDAME CLAUDINE

Seine Zimmergenossin war Claudine, eine reinrassige Pudeldame, die in der Manege stets einen kleinen pinkfarbenen Zylinder trug und unter tosendem Applaus durch einen brennenden Reifen hopste. Jürgen verabscheute sie zutiefst. Claudine hatte sich ein paar Monate zuvor von ihrem Lebensgefährten Gismor getrennt, ein lebhafter Schäferhundmischling aus der Eifel, der sich als komplett bindungsunfähig herausstellte. Claudine war einfach noch nicht über „Gissi“ (wie sie ihn immer nannte) hinweg, soff ständig die Minibar aus und nervte Jürgen nächtelang mit sentimentalen Erinnerungen an die gemeinsamen Urlaube mit Gissi an der Costa Brava. Außerdem schnarchte sie  unglaublich laut und wenn sie auch noch die Erdnüsse aus der Minibar verschlungen hatte, pupste sie ununterbrochen im Schlaf. Oft vergaß sie, die Nüsse am nächsten Morgen an der Rezeption zu bezahlen und dann musste Jürgen dafür aufkommen. Das ging ganz schön ins Geld!


Joachim Bohne der Zirkusdirektor war die meiste Zeit gar nicht mit auf Tournee, sondern saß in einer kleinen Hütte ganz tief im Wald und reparierte Kuckucksuhren (das entspannte ihn), weswegen Jürgen sich wegen der Claudineproblematik auch nicht vertrauensvoll an seinen Chef wenden konnte. 
In Hofheim eskalierte die Situation. Claudine hatte nicht nur die Minibar geleert, sondern auch die GANZE Flasche Bierlikör, die sie in Warburg geschenkt bekommen hatte. Da sie ihren Schlüssel irgendwo auf der Strecke Hofheim-Kelkheim verloren hatte, erklomm sie, angetütert wie sie war, über ein Efeuspalier den 2. Stock des Hotels, in dem das gemeinsame Zimmer war, mähte einen CSU Sonnenschirm nieder und zerschlug dabei ein Fenster. In diesem Zustand fand Jürgen die  Pudelausgeburt dann schnarchend und pupsend am nächsten Morgen zwischen lauter Glasscherben auf der Auslegeware. Er hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan und war völlig ausser sich.
Er wusste, dass er, wenn es so weiter ging, nicht mehr die Konzentration für seine hochkomplizierte Balancenummer, aufbringen würde. Das könnte das Ende seiner Karriere bedeuten. Es musste etwas geschehen. Claudine musste verschwinden.

Jürgen entschied sich, dass es wie ein Unfall aussehen musste. Bei der nächsten Vorstellung in Offenburg witterte er seine große Chance! Leise schlich er sich in einer Vollmondnacht in das verlassene Zelt und goss eine großzügige Menge Agent Orange in den Spirituseimer, der für Claudines BrennendeReifenNummer vorgesehen war. Diese hochbrennbare Flüssigkeit hatte er sich zuvor auf dem Schwarzmarkt in Bad Orb von einem Vietnamveteranen besorgt.

Am nächsten Abend war es soweit! Claudine hatte keine Chance. Durch den vielen Alkohol in ihrem Blut ging alles sehr schnell. Es war ein schrecklicher Moment, ein Mantel des Schweigens und der Trauer legte sich über die Manege als der Dompteur bebend vor Schmerz den kleinen verkohlten pinkfarbenen Zylinder hinaustrug. Aber Jürgen hatte keine Tränen. Frei! Schrie eine Stimme in seinem Inneren. In Gevelsberg würde er endlich wieder 7 Stunden schlafen!

text 2013: © martina dähne
fotos 2010/2011© johanna zentgraf

Freitag, 15. November 2013

FAULTIER KARL - BAUMGESICHT

DAS FAULTIER KARL

Das BaumGesicht  
des japanischen Schnurbaums (styphnolobium japonicum)
aus Karlsruhe 
Baden - Württemberg



"MORGEN" 
grummelte Faultier Karl widerwillig, als die fleißige Ameise es fragte:

"Willst Du Dich denn gar nicht einmal regen und bewegen. 
Es gibt doch so viel zu tun? 
Nutze den Tag, 
die Nacht ist da um auszuruhen."
Tags darauf als die Ameise das Faultier immer noch dösend und unbeweglich am selben Baumes Aste baumeln sah, wie schon des Tags zuvor, konnte sie sich nicht verkneifen Karl zu fragen: "Hattest Du mir Gestern nicht versprochen, dass Du HEUTE etwas tust und nun hängst Du immer noch so da?" 


Nicht zu fassen - dachte die Ameise 
und sie glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, 
als ihr Karlchen aus Karlsruhe zur Antwort gab:

"HEUTE, hab ich nicht gesagt, 
HEUTE sagt ein Faultier nie und nimmer. 
MORGEN sagte ich. 
Lass mich endlich weiterschlafen. 
Weißt Du denn nicht - Karls Ruhe stört man nicht." 

Und das Faultier schnurrte: 
"MORGEN, 
MORGEN vielleicht."



fotos vom BaumGesicht Faultier Karl / Karlsruhe 2013-10-21: © johanna Zentgraf
text 2013: © johanna zentgraf








Sonntag, 6. Oktober 2013

NACKI TICKITACKI - DER ZEITDIEB


NACKI TICKITACKI
das LindenBaumFabelwesen - vom Schloss Ahrensburg 
eine TierBaumGestalt 

Ein seltsam NageTier sitzt da am Stamm des LindenBaums vorm Ahrensburger Schloß . Ein grusig anzusehendes Fabelwesen ist es mit einem räudig grau-geflecktem Fell. Sieht dieses Tier nicht auf dem ersten Blick einer Ratte zum Verwechseln ähnlich? Doch nein hat es doch einen langen strähnigen Bart und sehr markant ist sein bislang noch nie gesehener steifer FederSchwanz. Spitz sind seine kurzen Ohren und die scharfen Krallen. Düster mit leerem Blick starrt es aus seinen geränderten runden Augen vom Baum herab. Es ist so groß zwar wie ein Eichhörnchen doch bewahre, man sollte es nicht mit diesem Waldkater verwechseln.

Der da so auf der Lauer hockt ist NACKI TickiTacki.
Er nagt, wie dumm ist das, am Ast, auf dem er selber sitzt.
Das Fabelwesen NACKI TickiTacki, das hat tatsächlich wenig Grips, was darum ganz besonders gefährlich ist.


Den lieben langen Tag ist er allein. Er knabbert und nagt, jammert und klagt, wetzt seine scharfen Krallen. Ihm fällt nichts Besseres ein. Nicht nur an Grips fehlt es dem NACKI auch mangelt es dem Fabeltier an Leidenschaft und Phantasie.
Lebenslust und Lebensfreude so etwas kennt TickiTacki nicht. 
Er weiß nichts von gelebter und erfüllter Zeit und hasst auch die Geselligkeit. 
Im Hier und Jetzt fühlt sich der NACKI selten wohl. 
Schnell ist er angeödet und dann zieht er eine bitterböse Miene.
So ist der NACKI Tickitacki meistens deprimiert.

Wenn es dem TickiTacki langweilig wird, was oft geschieht, dann wackelt ungeduldig er mit seinem langen FederSchwanz, bis dieser wie ein ruheloses Pendel in wildem Takte schwingt. Sehr oft, wenn es besonders dumm läuft, übertragen sich die Schwingungen von TickiTackis Schwanzgependel auf alle Uhren nah und fern. Die Zeiger der Uhren drehen dann schnell und immer schneller, bis Zahnräder vor Überlastung quietschen und es in manchem Uhrwerk rattert und knirscht. 

Die Zeit zu messen in diesem Chaos, wenn TickiTackis Pendelein Frequenzen stören und keine Uhr mehr richtig tickt - geht so etwas von nicht. 
Was die Uhr geschlagen hat, das weiß dann Niemand mehr.

Ein übler Zeit Dieb ist der NACKI TickiTacki, wie man Keinen je zuvor gekannt. 
Und was schlimmer noch ist, er ist ein ganz gemeiner Parasit.

Vor NACKI TickiTacki nehmt Euch in Acht. 
Dass dieser Miesepeter nichts Gutes im Sinne haben kann, lässt sich erahnen erkennt man dessen Blicken voller Hinterlist und wenn man seine angespannte Haltung richtig deuten kann. Verharrt er auch so manche Weile in dieser Lauer Pose doch wird er quirlig der NACKI TickiTacki dann springt er voller Ungeduld von Ast zu Ast, von Baum zu Baum und macht ein Opfer aus.
Sobald er einen ruheloser Menschen erspäht, macht sich der NACKI unsichtbar, 
setzt an zum Sprung und landet unbemerkt 
auf seines Opfers Nacken. 
Sitzt dort ein SCHALK noch, dann kratzt der NACKI und beißt, bis ihm dieser Platz macht und bis irgendwann der SCHALK - der Klügere gibt nach - von Dannen zieht. Wer bei klarem Verstand bliebe auch lange in solch unangenehmer Gesellschaft. 
Wenn ohne seinen SCHALK im Nacken der Mensch so gar nichts spaßig mehr finden kann, vergeht ihm selbst im Keller bald das Lachen. Ist sein Opfer erst richtig deprimiert nutzt NACKI die Gelegenheit und zwingt dem Ahnungslosen seinen Willen auf und vermiest ihm wirklich jede Freud.
Es wird bald immer schwerer den NACKI TickiTacki abzuschütteln, hat dieser sich erst einmal richtig fest gekrallt. Auf Dauer raubt NACKI TickiTacki dem Menschen jede Ruh.
Nagt TickiTacki an des Menschen Ohr, was dieser liebend gerne tut, bringt das Gezwickte das arme ruhelose Lebewesen erst völlig aus dem Gleichgewicht und tickitacki, tickitacki peitscht der NACKI mit seinem Pendelschwanz den Fluss der Zeit. Mit jedem Pendelschwung und Peitschenhieb treibt NACKI TickiTacki den Menschen an, auf dessen Schulter er sich fest gesetzt.

Ein Mensch, der unter NACKIs Last und Einfluss bald nicht mehr aufrecht gehen kann, weiß nicht, wie ihm geschieht. Er wundert sich, wieso für ihn die Zeit so schnell und sinnlos noch dazu vergeht und fragt sich oft, warum er ständig unter solch einem unerklärlichem Druck steht. Streift dieser Mensch den unsichtbaren Nager nicht endlich ab, wird tickitack für ihn die Zeit bald knapp. Solang der NACKI TickiTacki bei dem Menschen ist, kommt ganz gewiss kein SCHALK zurück, kein  Spaß und auch kein Witz, kein Lachen und keine Freud.


Hat solch ein böser Wicht dich doch einmal erwischt, das kommt gelegentlich schon vor, dann rege Dich, bleib in Bewegung, schlage mit deinen Armen Windmühlenräder, schüttele dein Haar, schlag Purzelbäume, lache und stelle dich ins Sonnenlicht. Sei wild, singe laut oder mach Musik und tanze regnet es auch. Vergiss aber nie, hast du auch nur den leisesten Verdacht, streife immer wieder einmal alles Drückende von deinen Schultern ab. Zeig es diesem dummdreisten NACKI TickiTacki vertreibe ihn und hole dir deinen kleinen Schalk zurück, bevor er ganz verloren geht und nähre ihn. Und wenn es dir gelingen sollte, dann halte dich von allem Grimmigen und Blödsinnigen fern. Dann ganz bestimmt wirst Du mit etwas Glück zu einem echten LUCKY-TACKI mein liebes Kind.

Ahrensburg
foto 2012-05-03 / text 2017:: © johanna zentgraf




Montag, 18. März 2013

VÄTERCHEN FROST - DER RIESE DRUMB


VÄTERCHEN FROST
Das BaumGesicht vom Bad Nenndorfer Kastanienbaum

Der Riese Drumb, der alte Vater Frost, knirscht laut mit seinen großen weißen Zähnen. Es ist schon wieder März, das passt ihm nicht. 

„Der Winter ist noch nicht vorbei! 
Ich bleibe noch!" 
brummt er und meint das bitterernst.

Er beißt sich fest, 
lässt einfach nicht mehr los und eisig kneift die Kälte.


In diesem Jahr halfen kein Lärm und keine Fastnachts-Maskeraden den Winter zu vertreiben. Der alte Drumb hat laut gegrollt, die Guggenmusik lautstark übertönt. Das Blechblas-Vertreibungs-Ritual blieb ohne Erfolg. Väterchen Frost, der kennt das ja. Es wiederholt sich Jahr um Jahr. Er weiß von vielen alten Bräuchen, den Winter auszutreiben und wie er sich davor schützt. Seit Langem schon lässt Väterchen Frost sich keine Angst mehr einjagen. Er fürchtet sich nicht vor den grausigsten Perchten-, Teufels-, und  Hexenmasken, noch ängstigen brennende Strohpuppen und Holzscheiben ihn. Vor Hutzel- und Funkenfeuern nimmt er sich in Acht. 


Der Drumb, alt wie er ist, der kennt der Menschen Hinterlist und denkt:

 „Maskiert euch ruhig, rollt rasselnd durch die Straßen auf euren bunten Wagen, peitscht und knallt, dass laut es schallt, ich lass mich nicht vertreiben. Zündet ihr auch noch so viele Feuer an - erschreckt, wen ihr wollt - mich jedenfalls nicht. So schnell gebe ich nicht auf, bin ich auch alt.“

Aus frostigem Herzen hasst Drumb den ganzen Mummenschanz. 


So manches Winteraustreibungs-Schauspiel blieb wirkungslos bei Vater Frost. So hielt er auch in diesem Jahr sich einfach seine Ohren zu und schloss die frühjahrsmüden Augen. Mit zugekniffenen Augen und offen stehendem Mund schnarchte der Riese Drumb und wenn er schnaufte, bebte in seinem langgezogen Gesicht die gewaltige Nase, sein großer, grauer Zinken.


Als sie den WinterRiesen schlafen sahen, glaubten die Frühlingsboten Väterchen Frost schliefe endlich tief und fest. Die Krokusse, Schnee- und Osterglöckchen und viele andere Frühlingsblumen reckten erwartungsvoll ihre Köpfchen den Sonnenstrahlen entgegen und erste Knospen zeigten sich. 



Doch unerwartet erwachte der verbissene Alte nach kurzem Schlaf. Als er erwachte, atmete er schwer. Der Riese Drumb war widerwillig eingeschlafen und hatte auch noch schlecht geträumt. Die rauen Nordwinde tobten in seiner Brust. Er blies die Wangen auf und ohne Rücksicht auf die frischen Triebe atmete der Riese die eisigen Winde durch seine Zähne pfeifend aus.


Hauch um Hauch bedeckte sich das kaum enteiste Land erneut frostig mit Reif und Eis.  


Väterchen Frost riss die Augen auf, entschlossen, sich noch lange nicht in den jahreszeitlich verordneten Ruhezustand verbannen zu lassen. Da zogen am Horizont mit jedem seines Augenaufschlags prall gefüllte Schneewolken auf. Es schneite, und über Nacht war alles wieder weiß. Das Winterwetter, das im Frühjahr unerwünscht ist, es war zurück. 
Der Riese triumphierte. Er hatte furchtlos seinen Starrsinn durchgesetzt, womit er demostrierte, wie stark er ist.
Beim Anblick der erfrorenen Knospen und Frühblüher aber reute es ihn. Aus freiem Willen ist er nun bereit zu gehen.

Er atmet ein den kalten Wind und endlich wird er müde von seinem Machtgehabe. Väterchen Frost packt sein Bündel und füllt es mit glitzernden Eis-Kristallen. 

Langsam löst er sich aus der Verbissenheit und macht dem Frühling endlich Platz. 

Gebettet in weißen Flockenpflaum verschläft der Riese Drumb den Frühling und den Sommer meist. Erst am Jahresende wacht Vater Frost wieder auf, dann wenn der Herbst ihn nicht mehr schlafen lässt.

Schlaf wohl Väterchen Frost, schlaf endlich tief und fest und wache bitte nicht mehr auf vor deiner Zeit.


fotos 2011-03-01 & 2013: © johanna zentgraf
text 2013: © johanna zentgraf



Donnerstag, 14. März 2013

SCHLAFWANDLER - BAUMGESTALT


DER SCHLAFWANDLER

Mit geschlossen Augen, die Arme tastend vor dem stämmigen Körper ausgestreckt, wiegt sich der Mähnen-Baum im Traum. Mit seinem langen Schwanz hält der Schlafwandler die Balance. Des Mondes heller Schein, der zieht ihn magisch an, selbst wenn der Baum im Schlaf ihn gar nicht sehen kann. 


Der sehnsuchtsvolle Baum, er ist verhängnisvoll betört. 
Er träumt von einer MondenFee, die schaukelnd auf der Mondsichel sitzt und ihn mit ihrem Schleiertanz schon oft bezaubert hat.
Seit jenes windigen Abends, als die MondenFee übermütig tanzend bis zur Erde geschwebt war und einer ihrer langen transparenten Schleier sich in seinen wippenden Ästen verfing, träumt der Baum immerfort nur noch von der verführerisch Schönen. Unlösbar hatte sich damals der feine Stoff ihres Schleiers verfangen im wilden Baumes-Haar-Geäst, so dass die Fee, als sie den Schleier aus der Verwirrung nicht mehr lösen konnte, vor Schreck den Schleier und, um selber frei zu kommen, in ihrer Not mit ihm all ihre Hüllen fallen ließ.

Seither ist wie durch unsichtbare Bande der Baum gefesselt an die schöne Fee vom Mond. 


Berauscht von des Schleiers lieblichen Duft in seines Baumes Krone, verzückt von der Erinnerung an die schöne FeenGestalt, sucht der vernarrte Baum bei Tag und Nacht den Himmel nach der MondFee ab. 

Wo immer der Mond auch seine Kreise zieht, 
in seinen Träumen folgt der verliebte Baum der Jungfrau, 
doch nie mehr hat er sie erreicht. 
Glaubte der Baum, 
die MondenFee sei ihm nah genug, dann streckte er seine Äste nach ihr aus, doch stets war, ehe er sich versah, die blasse Lichtgestalt entwischt.

Umfangen ließ sich die Fee nie mehr vom wilden Baum, der ihr, der kosmisch-freien Seele, zu grob und viel zu sehr geerdet war.

Wenn wohl der traurige Baum weiß, dass die MondenFee für ihn unerreichbar bleiben wird, kann er, seit sie ihn so verzaubert hat, doch anders nicht, der Einsame, als immerfort traumwandelnd ihr, der Unnahbaren zu folgen.

Während der Baum schlafwandelnd sich in Gedanken fortbewegte - in Wahrheit aber immer auf derselben Stelle stand, fror er an einem Wintertag in der Bewegung ein. Da setzte ihm der Schnee ein weißes Käppchen auf und stülpte dem Baum kristallgewebte Fäustlinge über dessen kalte Finger am ausgestreckten Arm. So geschützt vorm eisigen Winterwind konnte der Traumwandler auch in der frostigen Jahreszeit friedlich weiter träumen von ihr und dem Ende seiner Einsamkeit.
Erst, wenn im Frühling an des Baumes Langhaar-Ästen die zarten Blättchen sprießend klingeln, wacht der Schlafwandel-Baum langsam auf. Benommen von seinen sehnsuchtsvollen Träumereien, sucht er auch noch am hellerlichten Tag den Mond am Himmel zu erspähen und sehnt sich nach der Nacht.

Weil er der MondenFee verfallen ist, weiß der Schlafwandler oft gar nicht, ist tatsächlich er ihr gewahr geworden oder war es, wie so oft, nur wieder eine seiner sehnsuchtsvollen Phantasien? 
Träumt er oder ist er wach?
Manchmal, um sich seines Wach- Zustandes zu vergewissern, bittet er die Vöglein ihn zu kneifen. 

Im Frühling kitzelt die Sonne den verträumten Baum. Sie weckt ihn sanft. Ihre Strahlen färben den Feen-Schleier in seinen Ästen goldig glänzend. Die Vögel halten ihn wach und lenken den lieben langen Tag den vereinsamten Baum mit ihren ausgelassenen Tollereien und ihrem Gesang von seinem Liebeskummer ab.  

fotos Freudenstadt 2011-12-22 text 2013: © johanna Z