Donnerstag, 14. März 2013

SCHLAFWANDLER - BAUMGESTALT


DER SCHLAFWANDLER

Mit geschlossen Augen, die Arme tastend vor dem stämmigen Körper ausgestreckt, wiegt sich der Mähnen-Baum im Traum. Mit seinem langen Schwanz hält der Schlafwandler die Balance. Des Mondes heller Schein, der zieht ihn magisch an, selbst wenn der Baum im Schlaf ihn gar nicht sehen kann. 


Der sehnsuchtsvolle Baum, er ist verhängnisvoll betört. 
Er träumt von einer MondenFee, die schaukelnd auf der Mondsichel sitzt und ihn mit ihrem Schleiertanz schon oft bezaubert hat.
Seit jenes windigen Abends, als die MondenFee übermütig tanzend bis zur Erde geschwebt war und einer ihrer langen transparenten Schleier sich in seinen wippenden Ästen verfing, träumt der Baum immerfort nur noch von der verführerisch Schönen. Unlösbar hatte sich damals der feine Stoff ihres Schleiers verfangen im wilden Baumes-Haar-Geäst, so dass die Fee, als sie den Schleier aus der Verwirrung nicht mehr lösen konnte, vor Schreck den Schleier und, um selber frei zu kommen, in ihrer Not mit ihm all ihre Hüllen fallen ließ.

Seither ist wie durch unsichtbare Bande der Baum gefesselt an die schöne Fee vom Mond. 


Berauscht von des Schleiers lieblichen Duft in seines Baumes Krone, verzückt von der Erinnerung an die schöne FeenGestalt, sucht der vernarrte Baum bei Tag und Nacht den Himmel nach der MondFee ab. 

Wo immer der Mond auch seine Kreise zieht, 
in seinen Träumen folgt der verliebte Baum der Jungfrau, 
doch nie mehr hat er sie erreicht. 
Glaubte der Baum, 
die MondenFee sei ihm nah genug, dann streckte er seine Äste nach ihr aus, doch stets war, ehe er sich versah, die blasse Lichtgestalt entwischt.

Umfangen ließ sich die Fee nie mehr vom wilden Baum, der ihr, der kosmisch-freien Seele, zu grob und viel zu sehr geerdet war.

Wenn wohl der traurige Baum weiß, dass die MondenFee für ihn unerreichbar bleiben wird, kann er, seit sie ihn so verzaubert hat, doch anders nicht, der Einsame, als immerfort traumwandelnd ihr, der Unnahbaren zu folgen.

Während der Baum schlafwandelnd sich in Gedanken fortbewegte - in Wahrheit aber immer auf derselben Stelle stand, fror er an einem Wintertag in der Bewegung ein. Da setzte ihm der Schnee ein weißes Käppchen auf und stülpte dem Baum kristallgewebte Fäustlinge über dessen kalte Finger am ausgestreckten Arm. So geschützt vorm eisigen Winterwind konnte der Traumwandler auch in der frostigen Jahreszeit friedlich weiter träumen von ihr und dem Ende seiner Einsamkeit.
Erst, wenn im Frühling an des Baumes Langhaar-Ästen die zarten Blättchen sprießend klingeln, wacht der Schlafwandel-Baum langsam auf. Benommen von seinen sehnsuchtsvollen Träumereien, sucht er auch noch am hellerlichten Tag den Mond am Himmel zu erspähen und sehnt sich nach der Nacht.

Weil er der MondenFee verfallen ist, weiß der Schlafwandler oft gar nicht, ist tatsächlich er ihr gewahr geworden oder war es, wie so oft, nur wieder eine seiner sehnsuchtsvollen Phantasien? 
Träumt er oder ist er wach?
Manchmal, um sich seines Wach- Zustandes zu vergewissern, bittet er die Vöglein ihn zu kneifen. 

Im Frühling kitzelt die Sonne den verträumten Baum. Sie weckt ihn sanft. Ihre Strahlen färben den Feen-Schleier in seinen Ästen goldig glänzend. Die Vögel halten ihn wach und lenken den lieben langen Tag den vereinsamten Baum mit ihren ausgelassenen Tollereien und ihrem Gesang von seinem Liebeskummer ab.  

fotos Freudenstadt 2011-12-22 text 2013: © johanna Z