Sonntag, 5. April 2015

OSTERHÄSCHEN BERTILI


OSTERHÄSCHEN BERTILI
TierBaumGestalt aus Wolfenbüttel / Niedersachsen




"April, April" niesten die Märzenbecher und die Osterglocken schüttelten sich. Eben noch hatte die Sonne geschienen, doch jetzt sah es so aus, als wolle die Welt gleich untergehen.


Graue und schwarze Vorhänge zogen übers Land. Die Einen waren voller Schnee, die Anderen brachten Regen mit sich.
Ein überaus launischer Wind, trieb sie voran.
Ohn' Unterlass blies der Wind, bis sich Gewässer kräuselten und wellten.
Er blies, dass Äste brachen und durch die Lüfte flogen.
In Böen bald, fegte er mit solch einer Geschwindigkeit, dass die Bäume zu Tanzen begannen im Wirbelwind.
Einige von ihnen, die sich zu doll verbogen, verloren ihr Gleichgewicht und konnten sich nicht mehr aufrecht halten. Sie stürzten um fielen laut krachend zu Boden.
Doch nicht nur Bäume entwurzelte der zum Sturm gewordene Wind.
Gewaltvoll und unaufhaltsam riss er Schneisen der Verwüstung in die eben noch so friedliche Landschaft.
Hatte der Wind sich ausgetobt, dann pustete er wieder ganz sanft und hauchte nur leise, doch so unberechenbar, wie das Wetter im April, war auch der Wind.

"Der Wutausbruch scheint jetzt vorbei zu sein."
sagte Hase Weißbart, der als Erster aus dem Hasenbau lugte und ein Fleckchen blauen Himmel bemerkte.
"Die Sonne blinzelt auch schon wieder durch die Wolken, was für eine schöne Lichtstimmung, das müsst ihr sehen." wendete er sich an die Hasen im Bau.

"Hab ich vielleicht eine Angst gehabt." flüsterte das kleine Häschen Bertili.
Mit großen Augen schaute Bertili hinauf zu ihrem Großvater, an dessen Hosenbein sie sich während des Sturmes geklammert hatte. Dort hing sie immer noch und der Großvater strich seinem bibbernden Hasen-Enkelchen behutsam über das Köpfchen.
"Nun ist alles wieder gut."
lachte der Großvater, der zur Seite sprang um den Ausgang frei zu machen für die ins Freie hoppelnden Häschen.
"Du kannst jetzt wieder los lassen. Meine Hosenträger sind ja schon aufgesprungen. Du ziehst mir noch die Hose aus. Immer schwerer wirst Du." sagte Weißbart zu Bertili und schüttelte sein Bein, das sich inzwischen ganz taub anfühlte.
"Entschuldigung" hauchte Bertili, machte ein Schnütchen und klimperte mit den Wimpern.
Sie löste ihre Umklammerung, glitt am Bein des Opas nach unten, rutschte ab und landete statt auf den Pfötchen auf ihrem Bauch.
"Autsch" Da lag sie, wie ein Läppchen flach am Boden, aber sie hatte sich nichts getan und rappelte sich schnell wieder auf, doch sie schämte sich für ihr Ungeschick.
"Alles gut, Püppchen?" fragte der Großvater
Bertili nickte.
"Ihr könnt jetzt wieder raus. Geh rasch mit deinen Geschwistern spielen, wer weiß, wie lang die Schönwetterphase anhält. Nutzt die Zeit." lächelte der alte Hase sanft.

"Ach meine Geschwister, die lachen mich nur wieder aus und nennen mich Angsthäschen, mit denen spiele ich nicht." dachte Bertili.
Als die Hasen-Großmutter den Bau verließ, hoppelte Bertili hinter ihr her. Weil die Kleine nicht auf den Weg sah, sondern nur darauf achtete, ihre Großmutter nicht zu verlieren, stolperte sie über einen der vielen Äste, die nach dem heftigen Sturm überall am Boden verstreut lagen. Bertili rollte sich im Fallen schon zusammen und purzelte einen kleinen Anhang hinunter, vorbei an ihren Brüdern, die sich vor Lachen krümmten. Die Schwestern sprangen zu Bertili und fragten, "Hast du dir weh getan?" Erst als sie sahen, das Bertili unverletzt wieder auf ihren vier Pfötchen stand, lachten auch sie: "Ach du tollpatschiges Angsthäschen du..."
Nur die älteste Schwester lachte nicht. Sie ahnte, wie der Spott ihrer Geschwister Bertili verletzen musste.
"Bertili, ist die Jüngste, von uns." sagte Dora "Ihr ward doch schließlich auch mal klein. Habt ihr das vergessen." Dora umarmte ihr kleines Schwesterlein. Sie zog ein farbiges Tuch aus ihrer Tasche, legte es um Bertilis Hals und band es zu einer schönen Schleife. "So können wir dich besser sehen. Wir achten auf dich kleine Bertili."



Bertili strahlte vor Glück. Sie hoppelte und sprang ausgelassen zum Bach, wo sich viele Frühlingsblumen nach dem Sturm langsam wieder aufrichteten und erholten.
Dort entdeckten die Narzissen im himmelblauem, klaren Wasser des Baches ihr Antlitz und sie verliebten sich in ihr eigenes Spiegelbild. Als sie aber das Spiegelbild der kleinen Bertili entdeckten, die von ihrer Schwester so hübsch zurecht gemacht worden war, erblassten die eitlen Blumen vor Neid. Die Veilchen in aller Bescheidenheit tuschelten: "Habt ihr gesehen wie hübsch Bertili heute aussieht?"
Die Osterglocken läuteten und selbst die Schneeglöckchen, die schon fast verblüht waren, hoben noch einmal ihre Köpfe um ihrer Bewunderung Ausdruck zu verleihen.

Auf der anderen Seite des Baches saß der kleine Junge Tim, auf einem Baumstamm. Er wollte das wundervolle Licht einfangen und hatte Zeichenblock und Farben im Gepäck. Als er zwischen den ganzen bunten Frühlingsblumen das herausgeputzte Häschen entdeckte, staunte Tim nicht schlecht. Er tauchte seine Pinsel in die Farben und malte Bertili.
"Ich habe den Osterhasen gesehen" verkündete Tim und zeigte stolz sein Bild vom Häschen mit Schleife dem Vater, der gekommen war seinen Sohn schnell ins Haus zurück zu holen. Tim hatte gar nicht bemerkt, das schon wieder schwarze Wolken heran gezogen waren. Noch ehe Vater und Sohn das Haus erreichten, riss ein Windhauch dem Jungen das Blatt aus der Hand. Tim wollte sein Bild zurückholen, aber sein Vater sagte: "Nein! Komm schnell..." Der Vater stemmte sich geduckt gegen den Wind und zog seinen Sohn ins Haus, gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf hagelte es erbsengroße Körner und im Garten schlug ein Blitz ein.
"Wie schade um dein schönes Bild." sagte der Vater "Jetzt konnte ich deinen Osterhasen nur so kurz sehen. Kannst du nicht noch ein Bild malen?" ermutigte er seinen Jungen.
Noch war die Erinnerung an das eben Gesehene frisch und in seinem warmen Zimmer malte Tim ein neues, noch schöneres Bild vom Osterhäschen mit Schleife.

Auch Bertili und ihre Geschwister hatten es geschafft, sich rechtzeitig vor dem Hagel in Sicherheit zu bringen. Dass sie nicht vom plötzlich einsetzenden Hagel überrascht worden waren, hatten die Hasen der Erfahrung ihres Großvaters zu verdanken. Großvater Weißbart, der wusste wie tückisch im April das Wetter sein kann, er kannte die Vorzeichen, mit denen sich Unwetter ankündigen und hatte die Hasenfamilie rechtzeitig in den Bau getrommelt.

"Aprilwetter - Zeit zum Kuscheln" sagte die Hasenmutter.
Während es sich die Hasen in ihrem Bau gemütlich machten, tobte draußen ein Gewittersturm.

"Ich bin ein Osterhäschen, hat Tim gesagt. Der Junge hat ein Bild von mir gemalt. Das Bild kam durch die Luft geflogen. Ich konnte das schönes Bild sehen aber leider konnte ich es nicht fangen."
kicherte Bertili und schmiegte sich an ihre große Schwester.
"Ja" sagte Dora "Tim hatte recht. Du bist ein Osterhäschen."



"... Morgen besuchen wir die Kücken und ich zeige dir, wo die Hühner ihre Eier legen, die wir vor den Osterfeiertagen bemalen."
"Malen mit Pinsel und Farben, wie Tim?" fragte Bertili. "Ja in der Hasen-Malerwerkstatt stehen viele Eimerchen mit vielen bunten Ostereierfarben. Ich habe schon einen schönen Pinsel für Dich gebunden. Morgen malen wir. Das wird dir gefallen."

Der Wind inzwischen hatte Tims Blatt mit der Zeichnung von Bertili weit fort getragen. 
An einem wulstigen Baumstamm in Wolfenbüttel blieb es hängen.
Dem Baum gefiel das Bild vom OsterHasenKind.
Die Rinde des Baumes nahm das Bild in sich auf und gestaltete ein RindenHasenkind,
das Bertili zum Verwechseln ähnlich sah.

Nun mussten selbst die Bäume eingestehen:

"Den Osterhasen gibt es wohl. Wir haben ihn gesehen..."



fotos 2015-03-18 © johanna zentgraf
text  © johanna Zentgraf