Sonntag, 29. November 2015

DIE MARIONETTE EICHENBLATT


MARIONETTE EICHENBLATT

Ein Eichenblatt: nicht Er, nicht Sie - ein Es.
Spielen wollte es immer nur und nie erwachsen werden. 

Kaum war es frisch aus der Knospe gerollt, war hellgrün und ganz zart noch, zeigte es sich, dass dieses eine kleine Blatt sich irgendwie unterschied von all den anderen Blättern des Eichenbaums. 
Es plapperte den lieben langen Tag, ahmte Tiere nach, schnitt Fratzen und Grimassen. Keinen Moment konnte es ruhig halten, flatterte und zappelte unentwegt. Selbst am Abend noch machte das Blatt Witze.
So manche Nacht hat sich der Mond über das lustige Blatt krumm gelacht.

Der Eichenbaum fürchte, dass der Blattstiel, an dem der grüne Zappelphilipp hing, das wilde Blatt nicht lang mehr halten können würde. Um den kleinen verrückten Künstler nicht zu verlieren, bildete der Baum lange Fäden, die das Blatt an seinen Spitzen fixierten. So wurde hoch oben am Eichenast ein Eichenblatt zu einer Marionette.
Ab und an, durch all zu übermütiges Gestikulieren, kam es vor, das sich die Fäden der Marionette verwirrten. Wenn die Marionette gelegentlich Kopf stand, verknoteten sich ihre Stricke auch schon einmal. Obwohl das MarionettenBlatt wusste, dass die Fäden nötig waren, damit es nicht vom Baume fiele, verwünschte es seine Gebinde oft und träumte davon losgelöst sein zu können.
Es wünschte sich ein Rückrad. Es wünschte sich Flügel.
Es zog am liebsten selbst an seinen Fäden.

Der Wind, ein guter Freund der Blätter, hatte von allen Blättern die EichenblattMarionette besonders in sein Herz geschlossen. Wenn sich das Blatt wieder einmal in seinen Fäden verfangen hatte, blies der Wind vorsichtig bis die Verwirrungen sich wieder lösten. Beim Knoten lösen kamen der Marionette die Meisen zu Hilfe. Nie war das Blatt allein.
Hing das MarionettenBlatt auch manchmal noch so schief in den Seilen, seine Texte trug es, in jeder noch so abenteuerlichen Situation, stets vor mit großer Leidenschaft. Spielen und Geschichten erzählen, das war eben sein Leben.



Im Laufe der Zeit wurde das Spiel des MarionettenBlattes immer einfallsreicher und farbenfroher.
Im Sommer nahm es manches Mal eine Lichtgestalt an.
Im Herbst trug es kunterbunte Kostüme. 

Mit seinen phantasievollen Darbietungen zog die EichenBlattMarionette viele aufmerksame Naturgeschöpfe in ihren Bann. Sie schenkte Abwechslung und Freude und wurde mit Lachen und Beifall belohnt. 
Bewundernswert, so viel Energie, Lebensfreude und Humor von einem kleinen Eichenblatt.

War die Marionette auch ihr ganzes Leben lang kindlich geblieben, so kam doch auch für sie der Moment, sich dem Naturgesetz des Werden und Vergehens zu stellen.
Im späten Herbst, die meisten Blätter waren längst von den Bäumen gefallen, hing die Marionette nur noch an zwei Fäden Saft- und Kraftlos hoch oben im Geäst. Zusehends verblasste das MarionettenBlatt. Beinahe durchsichtig-geisterhaft veränderte das MarionettenEichenblatt seine Gestalt als die ersten Schneeflocken fielen. Seine Texte hauchte es nur noch. Es wurde sanfter und seine Stimme wurde immer melodiöser.
Lange hielt das Blatt sich krampfhaft fest an seinen letzten dünn und brüchig gewordenen Fäden. Es fürchtete einen schnellen Sturz. Der Boden war schon eisig kalt und hart.
Der Herbstwind ermutigte die Marionette und versprach ihr einen wundervollen Segelflug. Er würde seinen BlattFreund nicht im Stich lassen, es bräuchte nur los zu lassen. 

Als der nächste Herbststurm die EichenblattMarionette streifte, rissen die Seile der Marionette und das Blatt ließ los. Im Bewusstsein, dass das Ende des Blattseins einen Anfang in sich trägt, tanzte das MarionettenBlatt ein letztes Mal frei und ungebunden auf den Schwingen des Windes.
Das leicht gewordene Blatt wirbelte lang durch die Lüfte und sang leise mit dem Wind bevor es sanft auf dem Boden ankam, wo es im Schnee versank. 
Es küsste und befruchtete die Erde.


Sonntag, 5. April 2015

OSTERHÄSCHEN BERTILI


OSTERHÄSCHEN BERTILI
TierBaumGestalt aus Wolfenbüttel / Niedersachsen




"April, April" niesten die Märzenbecher und die Osterglocken schüttelten sich. Eben noch hatte die Sonne geschienen, doch jetzt sah es so aus, als wolle die Welt gleich untergehen.


Graue und schwarze Vorhänge zogen übers Land. Die Einen waren voller Schnee, die Anderen brachten Regen mit sich.
Ein überaus launischer Wind, trieb sie voran.
Ohn' Unterlass blies der Wind, bis sich Gewässer kräuselten und wellten.
Er blies, dass Äste brachen und durch die Lüfte flogen.
In Böen bald, fegte er mit solch einer Geschwindigkeit, dass die Bäume zu Tanzen begannen im Wirbelwind.
Einige von ihnen, die sich zu doll verbogen, verloren ihr Gleichgewicht und konnten sich nicht mehr aufrecht halten. Sie stürzten um fielen laut krachend zu Boden.
Doch nicht nur Bäume entwurzelte der zum Sturm gewordene Wind.
Gewaltvoll und unaufhaltsam riss er Schneisen der Verwüstung in die eben noch so friedliche Landschaft.
Hatte der Wind sich ausgetobt, dann pustete er wieder ganz sanft und hauchte nur leise, doch so unberechenbar, wie das Wetter im April, war auch der Wind.

"Der Wutausbruch scheint jetzt vorbei zu sein."
sagte Hase Weißbart, der als Erster aus dem Hasenbau lugte und ein Fleckchen blauen Himmel bemerkte.
"Die Sonne blinzelt auch schon wieder durch die Wolken, was für eine schöne Lichtstimmung, das müsst ihr sehen." wendete er sich an die Hasen im Bau.

"Hab ich vielleicht eine Angst gehabt." flüsterte das kleine Häschen Bertili.
Mit großen Augen schaute Bertili hinauf zu ihrem Großvater, an dessen Hosenbein sie sich während des Sturmes geklammert hatte. Dort hing sie immer noch und der Großvater strich seinem bibbernden Hasen-Enkelchen behutsam über das Köpfchen.
"Nun ist alles wieder gut."
lachte der Großvater, der zur Seite sprang um den Ausgang frei zu machen für die ins Freie hoppelnden Häschen.
"Du kannst jetzt wieder los lassen. Meine Hosenträger sind ja schon aufgesprungen. Du ziehst mir noch die Hose aus. Immer schwerer wirst Du." sagte Weißbart zu Bertili und schüttelte sein Bein, das sich inzwischen ganz taub anfühlte.
"Entschuldigung" hauchte Bertili, machte ein Schnütchen und klimperte mit den Wimpern.
Sie löste ihre Umklammerung, glitt am Bein des Opas nach unten, rutschte ab und landete statt auf den Pfötchen auf ihrem Bauch.
"Autsch" Da lag sie, wie ein Läppchen flach am Boden, aber sie hatte sich nichts getan und rappelte sich schnell wieder auf, doch sie schämte sich für ihr Ungeschick.
"Alles gut, Püppchen?" fragte der Großvater
Bertili nickte.
"Ihr könnt jetzt wieder raus. Geh rasch mit deinen Geschwistern spielen, wer weiß, wie lang die Schönwetterphase anhält. Nutzt die Zeit." lächelte der alte Hase sanft.

"Ach meine Geschwister, die lachen mich nur wieder aus und nennen mich Angsthäschen, mit denen spiele ich nicht." dachte Bertili.
Als die Hasen-Großmutter den Bau verließ, hoppelte Bertili hinter ihr her. Weil die Kleine nicht auf den Weg sah, sondern nur darauf achtete, ihre Großmutter nicht zu verlieren, stolperte sie über einen der vielen Äste, die nach dem heftigen Sturm überall am Boden verstreut lagen. Bertili rollte sich im Fallen schon zusammen und purzelte einen kleinen Anhang hinunter, vorbei an ihren Brüdern, die sich vor Lachen krümmten. Die Schwestern sprangen zu Bertili und fragten, "Hast du dir weh getan?" Erst als sie sahen, das Bertili unverletzt wieder auf ihren vier Pfötchen stand, lachten auch sie: "Ach du tollpatschiges Angsthäschen du..."
Nur die älteste Schwester lachte nicht. Sie ahnte, wie der Spott ihrer Geschwister Bertili verletzen musste.
"Bertili, ist die Jüngste, von uns." sagte Dora "Ihr ward doch schließlich auch mal klein. Habt ihr das vergessen." Dora umarmte ihr kleines Schwesterlein. Sie zog ein farbiges Tuch aus ihrer Tasche, legte es um Bertilis Hals und band es zu einer schönen Schleife. "So können wir dich besser sehen. Wir achten auf dich kleine Bertili."



Bertili strahlte vor Glück. Sie hoppelte und sprang ausgelassen zum Bach, wo sich viele Frühlingsblumen nach dem Sturm langsam wieder aufrichteten und erholten.
Dort entdeckten die Narzissen im himmelblauem, klaren Wasser des Baches ihr Antlitz und sie verliebten sich in ihr eigenes Spiegelbild. Als sie aber das Spiegelbild der kleinen Bertili entdeckten, die von ihrer Schwester so hübsch zurecht gemacht worden war, erblassten die eitlen Blumen vor Neid. Die Veilchen in aller Bescheidenheit tuschelten: "Habt ihr gesehen wie hübsch Bertili heute aussieht?"
Die Osterglocken läuteten und selbst die Schneeglöckchen, die schon fast verblüht waren, hoben noch einmal ihre Köpfe um ihrer Bewunderung Ausdruck zu verleihen.

Auf der anderen Seite des Baches saß der kleine Junge Tim, auf einem Baumstamm. Er wollte das wundervolle Licht einfangen und hatte Zeichenblock und Farben im Gepäck. Als er zwischen den ganzen bunten Frühlingsblumen das herausgeputzte Häschen entdeckte, staunte Tim nicht schlecht. Er tauchte seine Pinsel in die Farben und malte Bertili.
"Ich habe den Osterhasen gesehen" verkündete Tim und zeigte stolz sein Bild vom Häschen mit Schleife dem Vater, der gekommen war seinen Sohn schnell ins Haus zurück zu holen. Tim hatte gar nicht bemerkt, das schon wieder schwarze Wolken heran gezogen waren. Noch ehe Vater und Sohn das Haus erreichten, riss ein Windhauch dem Jungen das Blatt aus der Hand. Tim wollte sein Bild zurückholen, aber sein Vater sagte: "Nein! Komm schnell..." Der Vater stemmte sich geduckt gegen den Wind und zog seinen Sohn ins Haus, gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf hagelte es erbsengroße Körner und im Garten schlug ein Blitz ein.
"Wie schade um dein schönes Bild." sagte der Vater "Jetzt konnte ich deinen Osterhasen nur so kurz sehen. Kannst du nicht noch ein Bild malen?" ermutigte er seinen Jungen.
Noch war die Erinnerung an das eben Gesehene frisch und in seinem warmen Zimmer malte Tim ein neues, noch schöneres Bild vom Osterhäschen mit Schleife.

Auch Bertili und ihre Geschwister hatten es geschafft, sich rechtzeitig vor dem Hagel in Sicherheit zu bringen. Dass sie nicht vom plötzlich einsetzenden Hagel überrascht worden waren, hatten die Hasen der Erfahrung ihres Großvaters zu verdanken. Großvater Weißbart, der wusste wie tückisch im April das Wetter sein kann, er kannte die Vorzeichen, mit denen sich Unwetter ankündigen und hatte die Hasenfamilie rechtzeitig in den Bau getrommelt.

"Aprilwetter - Zeit zum Kuscheln" sagte die Hasenmutter.
Während es sich die Hasen in ihrem Bau gemütlich machten, tobte draußen ein Gewittersturm.

"Ich bin ein Osterhäschen, hat Tim gesagt. Der Junge hat ein Bild von mir gemalt. Das Bild kam durch die Luft geflogen. Ich konnte das schönes Bild sehen aber leider konnte ich es nicht fangen."
kicherte Bertili und schmiegte sich an ihre große Schwester.
"Ja" sagte Dora "Tim hatte recht. Du bist ein Osterhäschen."



"... Morgen besuchen wir die Kücken und ich zeige dir, wo die Hühner ihre Eier legen, die wir vor den Osterfeiertagen bemalen."
"Malen mit Pinsel und Farben, wie Tim?" fragte Bertili. "Ja in der Hasen-Malerwerkstatt stehen viele Eimerchen mit vielen bunten Ostereierfarben. Ich habe schon einen schönen Pinsel für Dich gebunden. Morgen malen wir. Das wird dir gefallen."

Der Wind inzwischen hatte Tims Blatt mit der Zeichnung von Bertili weit fort getragen. 
An einem wulstigen Baumstamm in Wolfenbüttel blieb es hängen.
Dem Baum gefiel das Bild vom OsterHasenKind.
Die Rinde des Baumes nahm das Bild in sich auf und gestaltete ein RindenHasenkind,
das Bertili zum Verwechseln ähnlich sah.

Nun mussten selbst die Bäume eingestehen:

"Den Osterhasen gibt es wohl. Wir haben ihn gesehen..."



fotos 2015-03-18 © johanna zentgraf
text  © johanna Zentgraf










Sonntag, 29. März 2015

JOCKEL DER GOCKEL

JOCKEL DER GOCKEL
die BaumKarikatur einer Platane in Oberursel/Taunus in Hessen

An einem lauen Frühlingsmorgen im Dorf Hintermwald schlug die Kirchturmuhr 9, schlug 10, schlug 11 und immer noch bewegte sich rein gar nichts. Die Tür des Hühnerstalles auf dem Hof des Eiermannes sie blieb verschlossen. Durch die schmalen Fensterluken konnten die Hühner beobachten, wie die Sonne stieg und stieg. Hecktisch trippelten die Hennen auf ihren runden Holzstangen auf und ab. Die Glucken in den Nestern rutschten unruhig auf dem blanken Stroh oder auf ihren Eiern hin und her. Sie rieben sich den Po wund und gackerten ununterbrochen.



Der Hahn Jockel hatte sich auf eine Stange neben dem Eingang des Hühnerhäuschens gesetzt und hatte seine Ohren gespitzt. Er wartete auf das Geräusch, das der Riegel macht, wenn er aufgeschoben wird 
- doch vergebens...
Ab und an hörte Jockel, wie im Haus des Eiermanns das Telefon klingelte, aber niemand nahm den Hörer ab.
Im Stall wurde es immer unruhiger.
"Es ist so stickig hier, wir wollen raus!" piepsten die Kücken und planschten im Trinkwasser. 
"Wer war das? Wer hat schon wieder neben den Fressnapf gekackt? 
Wie ekelig!" 
"Durst!" krächzten die Halbwüchsigen und schlürften das abgestandene Badewasser. 
"Wir haben Hunger!" gackerten die nimmersatten fetten Hühner und stritten sich um die letzten Körner. Die kräftigeren Hühner begannen auf die Schwächeren einzuhacken. Was für ein Gekeife. Der Lärm in der kleinen Hütte wurde unerträglich.

Als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte und der Türriegel noch immer den Ausgang des Hühnerstalles verschloss, schrie Jockel der Gockel in die aufgebrachte Runde:
"Ruhe jetzt, Schluss mit dem Gezanke. Ich krähe Alarm."
Und Jockel krähte so laut er nur konnte. Er krähte, dass die Hühner sich die Ohren mit den Flügeln zu halten mussten. 
Die anderen Hähne im Dorf hörten Jockels Krähen und stimmten ein. Dann bellten die Hunde und die Singvögel umkreisten zwitschernd den verlassenen Hof. 
Der Fuchs kam aus dem Wald und legte sich auf die Lauer.
Aber noch immer war keine Menschenseele zu hören und zu sehen.

Erst am frühen Abend hörte Jockel Schritte näher kommen. 
Der schwere eiserne Riegel stöhnte, als er aus der Verankerung sprang und die Türe des Hühnerstalles öffnete sich quietschend.
Jockel atmete auf. - doch - Er erschrak.
Seit wann trägt denn der Eiermann ein Kopftuch? 
- Er konnte den Gedanken nicht zu Ende denken -, als er die Nachbarsfrau Trude erkannte. 
So hatte er Trude noch nie gesehen. Ihr Gesicht war kreideweiß und sie hatte verquollene, rote Augen.
"Ihr Armen" sagte Trude, griff in ihre prall gefüllten Schürzentaschen und streute Körner vor die Hütte. Während ihre Tränen flossen, goss sie frisches Wasser aus einer Kanne in die Trinkschalen. Nachdem sie die Nester erfolgreich nach Eiern abgesucht hatte, verließ Trude gesenkten Kopfes den Hühnerstall. 
Die Stalltüre blieb weit offen stehen und sie klapperte im Wind.

Was ist hier nur los dachte Jockel, das hat nichts Gutes zu bedeuten.
Später hielten Fahrzeuge vor dem Hof. Fremde Menschen gingen ein und aus. Erst als das letzte Auto die Einfahrt verlassen hatte, kehrte wieder Ruhe auf dem Hof ein. Es wurde Nacht und die satten Hühner gingen schlafen. Am nächsten Morgen erst, beim Durchzählen, stellten die Hühner fest, das wieder einmal ein Huhn fehlte.

Als an diesem Morgen der Eiermann, der sich immer liebevoll um seine Hühner und Hähne gekümmert hatte, in einem schwarzen Sarg aus dem Haus getragen wurde, krähte Jockel, sein stolzer Gockel, ein letztes Mal vom Mist.


Die Hühner weinten und klagten. Wer würde jetzt ihre Futternäpfe füllen und sie vor dem bissigen Schäferhund schützen? 
Was soll nur werden?
Sie pickten Korn um Korn - fürchtend, dass dies ihre letzte Mahlzeit sein könnte.

Nur Jockel, obwohl auch er sehr traurig war, daß die Lebensuhr des kreisen Eiermanns nun abgelaufen war, schritt aufrecht. 
Er wusste längst, dass das Leben endlich ist.
In erträglichem Abstand zum Gegacker der aufgeregten Hühner lief er am Zaun entlang immer fort auf und ab. 
Er versuchte seine Gedanken zu ordnen und sich des Planes zu erinnern, den er geschmiedet hatte, als er das erste Mal bemerkt hatte, dass es um die Gesundheit des Eiermannes nicht eben gut stand.
Schon damals hatte er das Unabänderliche kommen geahnt und sich Gedanken darüber gemacht, was zu tun sei, wenn der Eiermann einmal nicht mehr da sein würde. Zu dieser Zeit war Jockel jung und unerfahren gewesen. Vor Kummer und Sorge um die Zukunft war Jockel damals selbst auch krank geworden. Ihm gingen Federn aus und sein sonst so prächtiger Kamm hing schlaff von seinem Köpfchen.

Jockel erinnerte sich an das Gespräch mit der ältesten Henne im Hühnerstall, die ihn damals in seiner schweren Seelennot mit den Worten: 
"Lass den Kopf nicht hängen Kleiner." aufzumuntern versucht hatte.
"Sicher wir haben ein großes Glück bei einem Menschen wie dem Eiermann leben zu dürfen, der all seine Tiere liebt, versorgt und artgerecht hält. Der Eiermann ist ein guter Mensch, er ernährt uns und wir überlassen ihm zum Dank unsere Eier.
Jedoch hörte ich während meines langen Lebens schon schlimme Geschichten. Einige Hennen sprachen von Menschen, die Tiere nur als Nutztiere halten und gnadenlos ausbeuten und ... und ..." 
stotterte die Henne Emma
"... sogar töten und das nicht nur, um selbst überleben zu können. 
Mit Schrecken denke ich an Mastfarmen und Legebatterien von denen mir die fremden Hühner erzählten. 
Kleine Hähnchen wie Du mein lieber Jockel, die das Pech haben auf einer Farm mit Massentierhaltung zu schlüpfen,"
schluchzte die Henne:
"hörte ich - und kann es immer noch nicht glauben -, 
werden kaum sind sie aus dem Ei geschlüpft aussortiert und oh du großer Hühnergott vergaßt oder geschreddert."
Jockel glaubte, er hätte sich verhört:  
"Bitte was...? Meinst du etwa wie Holz, wie Äste geschreddert?"
"Ja,  so wurde es mir berichtet." antwortete die Alte Henne sehr ernst.
"Die gelb-gefiederten, süßen, kleinen männlichen Kücken, werden lebendig in einen Schredder geworfen."
Jockel spürte wie die Wut in ihm aufstieg und wie seine Krallen messerscharf wurden.
"So etwas haben sich Menschen ausgedacht?" fragte er nach einer langen Pause des Entsetztseins "Menschen, die uns so viel verdanken?"
Zum ersten Mal in seinem neugierigen jungen Leben stellte er nicht die Frage nach dem Warum. Manche Menschen hätten auf die Frage nach einem Warum wohl eine Antwort formulieren können, aber kein Tier hätte ein Weil, aus welchen Gründen auch immer, akzeptieren können.
"Was für eine lebensverachtende, bestialische, widernatürliche Aktion."
Die Henne nickte und gluckste: 
"Vor den Menschen nimm Dich in Acht, die Meisten von ihnen haben uns nur zum Fressen gern, das lass Dir von einer weisen Alten gesagt sein. Aber mein lieber Gockel wisse auch, nicht immer lebten wir Hühner in Abhängigkeit von den Menschen. Es gab eine Zeit, da lebten unsere Vorfahren, die Bankiva-Hühner, wie viele Vögel wild im Wald. Es war ein Leben mit vielen Entbehrungen, aber es war ein würdevolles Leben, ein Dasein im Einklang mit der Natur. Das war bevor die Menschen uns ein Schlaraffenland vorgegaukelt hatten und uns mit "Putt, Putt, Putt" und leckeren Körnern in ihre Behausungen gelockt haben."
Jockel war platt nach dem Gespräch mit der alten Emma, aber er wäre nicht Jockel gewesen, wenn er nicht mehr hätte erfahren wollen. Oft steckten er und die Alte später ihre Köpfe zusammen. Jockel konnte nicht genug bekommen von Emmas Geschichten über die wilden Hühner, seine Ahnen.

Nach vielen weiteren Gesprächen mit der schlauen Henne hatte Jockel beschlossen, kräftig und stark zu werden, um wenn der Eiermann einmal nicht mehr für die Hühner sorgen könnte, an seiner statt die Verantwortung für sein Hühnervölkchen übernehmen zu können, so wie es auch schon in früheren Zeiten die Hähne getan hatten. Er wurde wieder gesund und wuchs heran zu einem prächtigen Hahn.
Seit Jockel davon wusste, was seinen Artgenossen auf anderen Hühnerfarmen widerfährt, träumte er oft schlecht, es plagten ihn Albträume. Das mit dem Schreddern wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Immer wenn die Waldarbeiten begannen und Jockel die Maschinen knattern hörte, rannte er wie aufgescheucht über den Hof, sprang in die Höhe und zeigte seine scharfen Krallen.
Er krähte: "Ich werd zum Kampfhahn, nehmt euch in Acht! Hier wird Niemand geschreddert." Kein Mensch wagte dem ekstatisch tanzenden Hahn dann zu Nahe zu kommen, nicht einmal der Eiermann.
Der Eiermann wusste zwar nicht, was seinen Hahn oft so aufregte und warum er manchmal so außer Rand und Band geriet, denn er konnte die Sprache der Hühner nicht verstehen, aber er hatte seinen Gockel gern und er ließ nichts auf ihn kommen. Allen die Jockel für verrückt hielten und den Hahn am liebsten im Suppentopf gesehen hätten, erwiderte der Eiermann: "Ihr habt ja keine Ahnung nicht. Mein Gockel ist genial. Er hat einen gesunden Instinkt. Er kräht so pünktlich in der früh, das schafft kein Wecker nicht. Zu gern seh ich ihn an meinen stolzen Hahn und lass ich ihn, wie er ist."



Nun da Jockel wusste, dass der Eiermann für immer gegangen war, standen die Zeiger des ZeitRades auf Veränderung und Neubeginn. 
"Die Menschen können mich mal zum Fressen gern haben, 
aber bekommen werden sie meine Hühnchen und mich nicht - dafür Sorge ich!" 
Für Jockel den Kickelhahn war nun endgültig die Zeit gekommen seine Manneskraft zu beweisen. 
- Nur noch einmal darüber schlafen, Morgen packe ich es an - 
dachte Jockel, sprang auf seine Stange und fiel in einen ohnmächtigen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen in aller Frühe, schlichen sich Jockel und im Gefolge, die Hennen und Kücken, aus dem Stall und schlüpften durch ein Loch im Zaun. Sie verschwanden heimlich still und leise im angrenzenden Wald. Nur der Schäferhund Knut bemerkte die Ausreißer und kläffte ihnen noch lange nach.

Das schöne Leben als Hahn im Korb war nun schlagartig vorbei für Jockel, er wusste das. Er hatte den ersten Schritt in die Freiheit gewagt und es fühlte sich gut an.
Als die kleine Geflügelschar weit genug vom Dorf entfernt war, begannen die Hühner auf dem Waldboden in alle Himmelsrichtungen zu scharren und zu picken. Es gab ausreichend Würmchen und Schnecken und saftig frische Knospen, genug für alle. Die Hennen konnten sich aus dem Weg gehen, jedes Huhn hatte genug Raum für sich. Trinken konnten sie aus einem kleinen Rinnsal, einem schmalen gut zugänglichen Seitenarm des plätschernden Baches am Rande des Waldes. Die Kücken tollten und piepsten überglücklich. 

Jockel, vor Freude übermütig, flatterte hoch auf einen Ast und spreizte seine Flügel. Sein prachtvolles Gefieder glänzte in der Morgensonne. Er hob den Kopf, es schwoll sein roter Kamm und lautstark, aus vollstem Halse krähte er sein "Kickerikie, wir Hühner leben jetzt im Wald, wir schaffen das. Wer uns bedroht, dem kratze ich die Augen aus. Kikerie Kikerikie."

Der Fuchs, der von Jockels lautem Krähen geweckt wurde, knurrte mürrisch.
Er dachte sich - da hast Du Dich zu früh gefreut, du Vogel mit der roten Narrenkappe. Du kennst Gevatter Reineke noch nicht und ahnst auch nichts von meiner List, Du aufgeblasener Hahn.
Jockel aber hatte von seinem gut gewählten Aussichtspunkt den Fuchsbau längst erspäht und gesehen, dass sich dort etwas regte. 
Er warnte seine Hühner: 
"Auf die Bäume ihr Hühner, versteckt euch aber schnell und immer schön die Augen und Ohren offen halten..." Die meisten Hühner sprangen und flatterten noch etwas tollpatschig so hoch sie konnten und landeten auf Ästen, wo sie erst einmal sicher waren, denn Füchse klettern ja bekanntlich nicht auf Bäume. Die Glucken suchten schleunigst einen geschützten Unterschlupf für ihre Kücken und für sich. Sie verkrochen sich in Mulden und waren mäuschenstill.
Wer hat sich jetzt zu früh gefreut? Kein einziges Huhn nicht einmal ein Kücken bekam Reineke Fuchs zwischen die Zähne und so trollte er sich, versuchte eine Gans zu stehlen.

Die Hühner wanderten weiter, weg von den Behausungen der Menschen, fort vom Fuchsbau. Sie suchten sich sichere und geschützte Stellen im Wald. Nach einer Weile klappte es auch viel besser mit dem Hochflattern und dem Balancieren auf den Ästen. Bei Einbruch der Dunkelheit boten ihnen die Bäume den besten Schutz und so schliefen die Hühner auf den Ästen.
Jockel, der sich immer den höchsten Ast aussuchte, schlug sich gegen seine HahnenBrust und er gedachte der alten Henne Emma, seiner Lehrerin, die ihn auf ein unabhängiges Leben im Wald so gut vorbereitet hatte.
Jetzt konnte er sein Wissen weiter geben. Die Hühner vertrauten ihm.
Das stumpfsinnige Dasein hinter Zäunen hatte ein Ende.
Jetzt hieß es wachsam bleiben und selber etwas tun. 
Jetzt hieß es leben und am Leben bleiben.

Noch immer leben ein paar wilde Hühner im Wald und zu Ostern, gehen die Kinder in den Wald Ostereier suchen.

fotos Oberursel 2010-10-11 & text 2015 © johanna zentgraf



Sonntag, 25. Januar 2015

TRINE MIT DER TRÖTE




TRINE MIT DER TRÖTE die BaumGestalt aus dem Stadtpark in Lahr


Wenn Trine ihre Tröte bläst, 
dann rollen sich ganz unmerklich den Zuhörern die Fußnägel hoch
und Hunde fangen an zu jaulen.

Die Sonne, eben noch orangenrot, zieht ihre Stahlen ein 
und wird zitronensauer,
die watteweissen Wolken werden grau und fangen an zu weinen.

Bei Regen und Schnee ist Trine quietschvergnügt.
Sie ist in ihrem Element und trötet immer lauter.

 Erratet ihr wer Trines Mutter ist?
Es ist ganz leicht ...

ES IST DIE REGENTRUDE.



fotos 2012-01-31 johanna zentgraf 






Montag, 9. Dezember 2013

KEGELROBBE JÜRGEN & PUDELDAME CLAUDINE



JÜRGEN DIE KEGELROBBE



Jürgen war keine gewöhnliche Kegelrobbe. Oh nein! Er war in der Seerobbenstation Friedrichskoog schon als kleiner Heuler aufgefallen, weil er unglaublich gut Gegenstände auf seiner Nase balancieren konnte. Bälle, Heringe, Stühle, einfach alles was ihm so vor die Kegelrobbennase kam.
Eines Tages wurde endlich Zirkus Bohne auf Jürgen aufmerksam. Er bekam ein Stipendium an der renommierten Artistenschule in Monte Carlo und schloss als Jahrgangsbester ab!! Danach ging er sofort mit Bohne auf Welttournee und begeisterte rund um den ganzen Erdball die Menschen mit seinen Balancierkünsten!
Selbstverständlich wohnte Jürgen nicht in einem Käfig, er war schließlich ein Ausnahmetalent! Nein, er durfte in jeder Stadt, die der Zirkus besuchte, im schicksten Hotel wohnen.
Am Schönsten fand Jürgen es, wenn er einen Wasserkocher auf dem Zimmer hatte, wie zum Beispiel im Best Western Hotel in Niefern-Öschelbronn. Er konnte den Kocher auf seiner Nase gegen den Uhrzeigersinn drehen, während das Wasser sich erhitzte (er machte sich oft einen Kamillentee nach der Vorstellung) und eine kleine Melodie dabei pfeifen.
Aber dann gingen die Probleme los...
Irgendwann wurde bei Zirkus Bohne das Geld knapp und deswegen musste Jürgen ab sofort sein Hotelzimmer mit einem anderen Artistenkollegen teilen. 










PUDELDAME CLAUDINE

Seine Zimmergenossin war Claudine, eine reinrassige Pudeldame, die in der Manege stets einen kleinen pinkfarbenen Zylinder trug und unter tosendem Applaus durch einen brennenden Reifen hopste. Jürgen verabscheute sie zutiefst. Claudine hatte sich ein paar Monate zuvor von ihrem Lebensgefährten Gismor getrennt, ein lebhafter Schäferhundmischling aus der Eifel, der sich als komplett bindungsunfähig herausstellte. Claudine war einfach noch nicht über „Gissi“ (wie sie ihn immer nannte) hinweg, soff ständig die Minibar aus und nervte Jürgen nächtelang mit sentimentalen Erinnerungen an die gemeinsamen Urlaube mit Gissi an der Costa Brava. Außerdem schnarchte sie  unglaublich laut und wenn sie auch noch die Erdnüsse aus der Minibar verschlungen hatte, pupste sie ununterbrochen im Schlaf. Oft vergaß sie, die Nüsse am nächsten Morgen an der Rezeption zu bezahlen und dann musste Jürgen dafür aufkommen. Das ging ganz schön ins Geld!


Joachim Bohne der Zirkusdirektor war die meiste Zeit gar nicht mit auf Tournee, sondern saß in einer kleinen Hütte ganz tief im Wald und reparierte Kuckucksuhren (das entspannte ihn), weswegen Jürgen sich wegen der Claudineproblematik auch nicht vertrauensvoll an seinen Chef wenden konnte. 
In Hofheim eskalierte die Situation. Claudine hatte nicht nur die Minibar geleert, sondern auch die GANZE Flasche Bierlikör, die sie in Warburg geschenkt bekommen hatte. Da sie ihren Schlüssel irgendwo auf der Strecke Hofheim-Kelkheim verloren hatte, erklomm sie, angetütert wie sie war, über ein Efeuspalier den 2. Stock des Hotels, in dem das gemeinsame Zimmer war, mähte einen CSU Sonnenschirm nieder und zerschlug dabei ein Fenster. In diesem Zustand fand Jürgen die  Pudelausgeburt dann schnarchend und pupsend am nächsten Morgen zwischen lauter Glasscherben auf der Auslegeware. Er hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan und war völlig ausser sich.
Er wusste, dass er, wenn es so weiter ging, nicht mehr die Konzentration für seine hochkomplizierte Balancenummer, aufbringen würde. Das könnte das Ende seiner Karriere bedeuten. Es musste etwas geschehen. Claudine musste verschwinden.

Jürgen entschied sich, dass es wie ein Unfall aussehen musste. Bei der nächsten Vorstellung in Offenburg witterte er seine große Chance! Leise schlich er sich in einer Vollmondnacht in das verlassene Zelt und goss eine großzügige Menge Agent Orange in den Spirituseimer, der für Claudines BrennendeReifenNummer vorgesehen war. Diese hochbrennbare Flüssigkeit hatte er sich zuvor auf dem Schwarzmarkt in Bad Orb von einem Vietnamveteranen besorgt.

Am nächsten Abend war es soweit! Claudine hatte keine Chance. Durch den vielen Alkohol in ihrem Blut ging alles sehr schnell. Es war ein schrecklicher Moment, ein Mantel des Schweigens und der Trauer legte sich über die Manege als der Dompteur bebend vor Schmerz den kleinen verkohlten pinkfarbenen Zylinder hinaustrug. Aber Jürgen hatte keine Tränen. Frei! Schrie eine Stimme in seinem Inneren. In Gevelsberg würde er endlich wieder 7 Stunden schlafen!

text 2013: © martina dähne
fotos 2010/2011© johanna zentgraf

Freitag, 15. November 2013

FAULTIER KARL - BAUMGESICHT

DAS FAULTIER KARL

Das BaumGesicht  
des japanischen Schnurbaums (styphnolobium japonicum)
aus Karlsruhe 
Baden - Württemberg



"MORGEN" 
grummelte Faultier Karl widerwillig, als die fleißige Ameise es fragte:

"Willst Du Dich denn gar nicht einmal regen und bewegen. 
Es gibt doch so viel zu tun? 
Nutze den Tag, 
die Nacht ist da um auszuruhen."
Tags darauf als die Ameise das Faultier immer noch dösend und unbeweglich am selben Baumes Aste baumeln sah, wie schon des Tags zuvor, konnte sie sich nicht verkneifen Karl zu fragen: "Hattest Du mir Gestern nicht versprochen, dass Du HEUTE etwas tust und nun hängst Du immer noch so da?" 


Nicht zu fassen - dachte die Ameise 
und sie glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, 
als ihr Karlchen aus Karlsruhe zur Antwort gab:

"HEUTE, hab ich nicht gesagt, 
HEUTE sagt ein Faultier nie und nimmer. 
MORGEN sagte ich. 
Lass mich endlich weiterschlafen. 
Weißt Du denn nicht - Karls Ruhe stört man nicht." 

Und das Faultier schnurrte: 
"MORGEN, 
MORGEN vielleicht."



fotos vom BaumGesicht Faultier Karl / Karlsruhe 2013-10-21: © johanna Zentgraf
text 2013: © johanna zentgraf